Amerikaner: Jim Graves, Syria, Virginia

Die Straße in Syria, Virginia, es gibt nur eine, ist leer, alle halbe Stunde fährt einmal ein Auto durch. Es gibt ein paar Wohnhäuser, eine Halle, in der geerntete Früchte versandfertig gemacht werden, eine Baumschule. Das Postamt stammt aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und ist gleichzeitig Laden für alles. Der Rose River plätschert an Feldern vorbei, das Tal ist von Hügeln und dichtem Laubwald eingerahmt. Virginia is for lovers steht auf den Nummernschildern und ich frage mich, ob das wirklich ein guter Platz für Liebespaare ist.

„Syria Mercantile“ wirbt draußen an dem flachen weißen Bau ein gemaltes Schild. Der Laden ist Treffpunkt der Einwohner. Einziger Treffpunkt. Hier diskutieren die Leute, über Mac, der Beth verlassen hat, über Tante Margie, deren Krebs zurückgekommen ist, über Politik, den Washingtoner Sumpf, die verlogene Presse und das Barbecue nächste Woche.

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„Kommen sie rein und sehen sie, was wir zu bieten haben“ steht auf einem Schild vor dem Laden. Drinnen ein Sammelsurium: Limonade, Grußkarten, lokal angebaute Pfirsiche und Äpfel, Sonnenbrillen. Bob und Jim verbringen ihren Nachmittag hier, erzählen von der Jagd, der Jobsuche, dem Pickup, der nach 250000 Meilen immer wieder Startschwierigkeiten hat. Bob war beim Militär, trägt über seinem kurzrasierten Kopf eine Baseballkappe, Jim mit Zopf und Bart ist an Armen, Hals und sicher auch weiteren Körperteilen tätowiert. Beide Männer nehmen tiefe Schlucke aus einer Bierdose.

Conny Nighting sitzt an der Kasse. Eine robuste Frau in Schürze, die nach ihrer Stimme zu urteilen viele tausend Zigaretten geraucht hat. Zottelige, blondierte Haare, die nach Dauerwellen-Jahrzehnten nicht mehr allzu üppig vorhanden sind. Gibt es in Syria Fremdenfeindlichkeit? Conny weist den Vorwurf, den viele Menschen in Virginia hören weit von sich:

Nein, gar nicht. Wir haben überhaupt keine Probleme mit Muslimen. Wenn einer hierher ziehen wollte? Wenn es sich um nette Leute handelt: Was solls? Ich denke einfach, viele Menschen regen sich zu sehr auf, wenn sie hören, Muslime seien böse. Sie sind doch wie alle anderen. Es gibt gute und schlechte.

Hügel, Wald, Kühe, ein Bach. Hinter dem Berg ist hier ziemlich zutreffend, abgeschieden, vergessen. Die nächste Autobahn ist weit, der nächste Bahnhof noch weiter.

In dem Dorf am Rand des Shenandoah-Nationalparks und der Blue Ridge Mountains gibt es null Muslime, dafür aber Berge, Wald und Bären.

Viele hier finden, so darf es bleiben. Viele finden aber auch: Die USA sind ein Land der Einwanderer. Der Glaube der Neuankömmlinge spielt keine Rolle dabei, ein neues, besseres Leben in Amerika zu suchen. Darf er gar nicht, weil ja Politik und Religion per Verfassung voneinander getrennt sind. Nehmen sie das so genau, die Leute von Syria? Immerhin wohnen hier konservative, gläubige Leute.

Hauptstraße von Syria Virginia

Eigentlich müsste Syria Gravestown oder so ähnlich heißen, sagt Conny, die fast ihr ganzes Leben für die Graves´ gearbeitet hat. Denn die Familie des 80-jährigen Jim Graves kam im frühen 17. Jahrhundert mit den ersten Virginia-Siedlern aus England in die neue Welt. Die Graves´ waren Jamestown-Siedler, schwärmt Jim, Mitbegründer der ersten dauerhaften Siedlung Englands in der neuen Welt. 1607 waren die neuen Einwohner an Land gegangen. Captain Thomas Graves kam 1608 auf der „Mary and Margaret“ nach Jamestown. Dass diese frühen Siedler zum Teil Fronarbeiter waren, dass zumindest einige von Ihnen nach Erkenntnissen der Smithsonian-Gesellschaft im eiskalten Winter 1909 in der „Starving time“  Kannibalen wurden, darüber spricht Graves nicht. Patrizier in Virginia haben einen langen Stammbaum in der neuen Welt. Das Leben der Vorfahren wird von Generation zu Generation umgeschrieben und der gesellschaftlichen Stellung, dem eigenen Anspruch unterworfen.

2013 wurden im ehemaligen Jamestown Knochen eines 14-jährigen englischen Mädchens entdeckt.  Befund des Smithsonian-Archäologen Douglas Owsley:

Die Schnitte an der Stirn waren sehr vorsichtig. Dann wurde der Körper umgedreht, es gab vier Hiebe auf den Hinterkopf, von denen einer den Schädel spaltete. Dann wurde der linken Schläfe eine tiefe Wunde zugefügt. Mit einem Messer wurde der Schädel geöffnet, um das Gehirn zu entnehmen.

Die Archäologen nennen das Opfer “Jane”. Sie sind sicher: Jane wurde gegessen. Wer sie war, ob sie wirklich ermordet  wurde oder auf natürliche Art starb, bevor sie verspeist wurde, ob ein Graves damit zu tun hatte, diese Fragen werden in der Geschichte verborgen bleiben.

George Percy schreibt im frühen 17. Jahrhundert in “Observations Gathered Out of a Discourse of the Plantation of the Southern Colony of Virginia by the English”:

Unsere Männer wurden von furchtbaren Krankheiten zerstört, meist aber verhungerten sie einfach. So lebten wir fünf Monate an diesem Ort in schrecklicher Not. Es gefiel Gott, uns nach einer Weile Indianer aus Virginia zu senden, die bisher unsere Todfeinde waren. Sie entlasteten uns mit einer Vielfalt von Brot, Mais, Fisch und Fleisch, die unsere verhungernden Männer wieder aufrichteten. Ohne Sie wären wir alle umgekommen.

Auf lebensbedrohliche Anfänge für die englischen Siedler, die zuerst in Jamestown Quartier bezogen hatten, folgten harte Anfangsjahre, die Loslösung von der englischen Krone in der Amerikanischen Revolution, Bürgerkrieg und Aufstieg der USA zur Weltmacht.

Jim Graves´ Vorfahren bewegten sich Generation für Generation ein wenig weiter ins Landesinnere, nach Westen,  und landeten in den Appalachen.

In Syria besitzt die Familie fast alles, erzählt Jim, der Patriarch mit struppigen Augenbrauen, dünnem weißem Haar und sonnengegerbter Haut: Der Name ist ein Zufall, wir haben den Berg da drüben Graves Mountain genannt, also war Gravesville vergeben, wir zogen den  Namen aus dem Hut.

Ortsschild Syria Virginia

Die Graves´ besitzen also einen Berg, mehrere hundert Hektar landwirtschaftliche Fläche, die Graves Mountain Lodge. Ein paar ältere Paare trinken Kaffee, essen Kuchen. Holzvertäfelung, 70er-Jahre-Möbel,  Bilder eines deutschen Einwanderers, auf die ist Graves besonders stolz. Dürer-Hände, Hirsche, Berge, Seen. Der alte Mann in Shorts, Karohemd und Turnschuhen kann sich nicht vorstellen, nicht mehr zu arbeiten. Das passt nicht zur protestantischen Ethik, die sich durch die Jahrhunderte in den Menschen festgesetzt hat. Er zeigt auf den Berg, der seinen Namen trägt, die Lodge mit ihren Hütten für die Gäste. Das ist der Ertrag eines fleißigen Lebens. Jim ist cool. Einer, der sich nichts vormachen lässt, einer der 80 ist, aber auch 65 sein könnte.

Einfahrt zur Graves Mountain Lodge

Washington ist gar nicht so weit weg, aber der konservative Mann fährt fast nie in die Stadt. Washington ist eine andere Welt. Da verdienen die Menschen ihr Geld mit Reden, nicht mit Arbeiten. Leute, die in die Politik gehen, werden reich. Sie vergessen, woher sie kommen. Sie wissen nicht, wie man Kartoffeln anbaut oder Hühner schlachtet. Sie stimmen für immer mehr Staat, für immer weniger Eigenverantwortung. Sie versorgen ihre „Buddies“ und scheren sich ansonsten nur um sich selbst, unabhängig von der Partei. Das Land geht zuschanden. Weltanschauung in wenigen Minuten. Jim blinzelt.

Das wird sich nur ändern, wenn Washington entmachtet wird. Wie das funktionieren soll, weiß Graves nicht so genau. Klar braucht man eine Zentralregierung, aber die soll sich doch bitte zurückhalten, unsichtbar sein, die Menschen in Frieden lassen, so wir die Väter der Verfassung das vorgesehen hatten.  Die Zustimmung zur Arbeit des US-Kongresses geht immer weiter zurück. Auch Graves ist nicht begeistert. Die Menschen auf dem Land, soviel steht für ihn fest, sind noch echte Amerikaner. Leute, denen nicht im Traum einfallen würde, Geld vom Staat zu nehmen. Das passt nicht zu Amerika, nicht zur Mentalität des  Anpackens, nicht zum Konzept des „self made man“, der ohne fremde Hilfe in der Wildnis überleben kann. Seine Familie hat sich seit 400 Jahren in Amerika bewährt.

Und sie hat eine eigenwillige, teils aberwitzige Denkweisen entwickelt, die in den ländlichen USA, besonders in den Südstaaten viele Menschen teilen.

Da wäre die Überzeugung, mehr Waffen führten zu mehr Sicherheit. Pistolen und Gewehre in den Händen aufrechter Bürger helfen, Gewalt zu verhindern.

Da wäre die Ursünde der Vereinigten Staaten, die Sklaverei. Ja, stimmt schon, dass Menschen aus Westafrika entführt und versklavt wurden, aber ihre Nachfahren müssen doch erkennen, dass sie ohne die Sklaverei gar nicht hier wären. Jim Graves würde es nicht aussprechen, aber seinem Gesicht ist deutlich anzusehen, dass er findet, die Afroamerikaner sollten durchaus dafür dankbar sein, dass ihre Vorfahren in die USA gebracht wurden. Als Sklaven.

Jim Graves sagt einen Atemzug später, wie wunderbar er sein ganzes Leben lang mit Afroamerikanern zusammengearbeitet hat, beim Militär, auf der Graves-Farm und in der Lodge. Natürlich ist er kein Rassist, was für eine abwegige Idee. Es ist gar nicht so leicht, dem alten, freundlichen Mann nicht zu glauben. Graves deutet im Speisesaal der Lodge auf einen sicher 10 Meter langen Tisch. Ein Familienstück natürlich. Von Urgroßvater oder sogar Ururgroßvater aus Virginia-Buche geschreinert. An diesem Tisch nehmen alle Platz, die Familie, die Arbeiter unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Rassismus gibt es hier nicht, aber eine festgefügte, notwendige Hierarchie. Dass unterschiedliche Menschen an der Familientafel nicht unbedingt den Nachweis erbringen, dass es in Syria, Virginia besonders weltoffen zugeht, auf diese Diskussion will sich Jim Graves nicht einlassen.

Fahrzeug der Graves Mountain Lodge

Viel schlimmer ist die Entmündigung der Bürger, die Sozialleistungen, die Essensmarken, die Sanktionierung der Faulheit. Wer in der Stadt lebt und nicht arbeitet, bekommt doch mehr Geld als jemand der schuftet. Arbeit lohnt sich nicht mehr. Und überhaupt: Die Idee von Amerika, die Vorstellung des Pioniers, der alles wagt, alles gewinnen, aber auch alles verlieren kann, ist gefährdet. Schuld sind Demokraten und ein wenig auch die Republikaner. Draußen am Hang, einen Finger auf den Berg gegenüber gerichtet, erzählt Landmann Graves von Problemen, die hier relevant sind, aber in Washington nicht interessieren:

Wir haben hier ein Problem mit den Bären, weil wir uns gleich in der Nachbarschaft des Shenandoah National Parks befinden. Das ist ein Bärenschutzgebiet. Aber die Bären verlassen den Park, um unsere Früchte und den Mais zu fressen. Wir haben es mit einer Menge von Regulierungen zu tun. Die stammen von Leuten, die nicht hierher aufs Land kommen und keine Ahnung davon haben, wie schwer das für uns ist, werden diese Auflagen erfüllt.

Jim Graves blinzelt in die Sonne. Als US-Marine war er in Deutschland stationiert. Einmal legte sein Schiff in Mallorca an und blieb drei Monate. Graves war Manager der Militärband. Big Band-Musik unter der warmen Sonne des Mittelmeeres, guter Wein, schöne Frauen. Eine Mammutparty. Eine wunderbare Zeit.  Aber das ist mehr als 50 Jahre her. Den Rest seines Lebens hat er fast komplett in Syria, Virginia verbracht.

Seit Jahrzehnten ist  der alte Mann  für ein Familienunternehmen verantwortlich, das Landwirtschaft betreibt, im Tourismus aktiv und einziger nennenswerter Arbeitgeber in Syria, Virgina ist. Wer politisch das Sagen hat?

Spielt keine große Rolle. Denn wir hier draußen spielen für die Menschen in der Stadt keine Rolle. Wir haben immer unser eigenes Ding gemacht. Das wird sich nicht ändern.

Syria, Virginia, ist ein Dorf mit sehr schlechtem Handyempfang, aber mit jährlichem Festival zur Apfelernte.  Ob die Welt hier in Ordnung ist, oder noch ist? Keine Ahnung, ob sie es je war. Oder ob seit jeher die Menschen, die sich hier in den Bergen niedergelassen haben, ums Überleben gekämpft haben. Die Familie Graves hat seit Jahrhunderten das Sagen und wünscht keine Einmischung.

Schuppen Graves Mountain Lodge

Die USA haben keine Aristokratie, aber Jim Graves als Landadel zu bezeichnen würde gewiss dem europäischen Vergleich standhalten. Mit Lodge statt Schloss, mit Südstaatenstolz statt Wappen. Wie in einem europäischen Schloss übrigens soll es in der Graves Mountain Lodge auch spuken. Besucher berichten von nächtlichen Geräuschen, von großen, schemenhaften Gestalten auf dem Flur. Vielleicht ist es der Geist des Vorfahren, der in Jamestown in der Hungersnot zum letzten Mittel griff, um zu überleben: Zum Kannibalismus. Jim Graves würde es jedenfalls weder wundern noch stören, wenn verstorbene Mitglieder seiner tief in Syria verwurzelten Familie nach dem Rechten sehen würden. Und sich vermutlich lauthals darüber beklagen würde, was aus dem Land geworden ist. Wohlfahrt, Krankenversicherung, Einwanderung, schrecklich. Würde Jim die Gesundheitsversorgung zur reinen Privatsache machen?

Ja, würde ich, weil ich pro-Business bin.

Und soziale Leistungen abschaffen?

Ja, weil doch alle glauben, ihnen würde alles gegeben.

Und niemanden mehr ins Land lassen?

Es gibt doch Leute, die ins Land hineinwollen. Menschen, die aus dem Gefängnis kommen. Ich möchte, dass die Leute überprüft werden. Wenn ich in ein anderes Land gehe, dann wollen die doch auch keine Gauner in ihrem Land. So ist es hier auch. Also müssen wir sie überprüfen. Ich bin weder gegen Muslime noch irgendjemand sonst. Unser Land, Amerika hat durch die Immigration Gestalt angenommen. 

Ein verblüffendes ja aber, dass mit dem hetzenden amerikanischen Nationalismus nicht in Einklang zu bringen ist.

Unter dem Strich ist Jim überzeugt, dass der Politikbetrieb nicht reformierbar ist, sondern zerschlagen werden muss. Was an die Stelle des gigantischen Regierungs und – Verwaltungsapparates treten soll, weiß er nicht. Die Liberalen haben jedenfalls vieles, was sein Amerika ausmacht, mit Füßen getreten, findet Graves. Die Freiheit steht auf dem Spiel.

Der Patriarch von Syria, Virginia war Soldat, Farmer, Hotelier, Jäger, Förster, Großgrundbesitzer. In seinem Leben hat er oft genau das gemacht, was ihm passte. Ein Land vielen Regeln und Regulierungen, der hohen Steuern und der Krankenversicherungspflicht passt nicht in dieses Leben. Und als ich aus dem Tal hinauf auf den Hügel fahre, sehe ich im Rückspiegel ein paar Wohnhäuser, eine Halle, in der geerntete Früchte versandfertig gemacht werden, eine Baumschule, das Postamt aus dem späten 19. Jahrhundert. Der Rose River glitzert in der Sonne. Im „Syria Mercantile“ trinken Bob, Jim und Conny wohl gerade ein Feierabendbier und lachen über die komische Frisur von Dana oder das schlimme Bein von Cecil, das einfach nicht besser wird. Oder über die harten Zeiten am Rand der Berge.

Virginia is for lovers. Wirklich?

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