alles verstanden, auch ganz ohne isländisch-kenntnisse. ganz so einfach ist es nicht immer, aber manchmal. rede, interview, gastbeitrag, homepage-geschichte, sie alle sollten so unmittelbar wirken wie das island-schild. jeder komplexe inhalt kann verständlich, spannend und authentisch erzählt werden. und etwas humor schadet nicht.

Der Holzhändler

In Washington ist es gut, einen kleinen Brennholzvorrat zu haben. Die vergangenen Winter waren ziemlich kalt, die Wahrscheinlichkeit eines Stromausfalls, der auch die Heizung außer Gefecht setzt, geht gegen 100%. Stromleitungen laufen allesamt oberirdisch und tun ihren Dienst bis zum nächsten Sturm, die Erdgaszufuhr: Ein Provisorium. Installateure schimpfen wie die Rohrspatzen, wenn sie defekte Heizungen instandsetzen sollen. Das Ergebnis ist nie eine echte Reparatur, sondern immer Flickschusterei.  Seit dem Spätsommer fährt immer mal wieder ein Truck vor, jemand steigt aus, klingelt, bietet Brennholz in einem Kauderwelsch an, dem auch der Amerikanisch-Kundige unter keinen Umständen folgen kann. Die Ware ist in der Regel morsch, feucht, unbrennbar. Aber draußen in Maryland gibt es glücklicherweise Farmen, die echtes Hartholz zu fairen Preisen anbieten. Die Deutschen haben ihr Klafter, die Amerikaner den Cord, ein uraltes Maß, theoretisch ist ein solcher Holzhaufen 4 Fuß hoch, vier Fuß breit und acht Fuß lang. Ganz theoretisch. Als Tom vorfährt, entpuppt sich mein halber Cord als eine Truckladung Holz. Ordentliche Ware, die meine Familie sicher durch den Winter bringen und uns vor übermäßiger Kälte im Haus bewahren wird. Der Diesel tuckert und stinkt. Tom, ein dürrer, kleiner Kerl mit Seelöwen-Schnauzer würde im Traum nicht auf die Idee kommen, den Motor abzustellen. Auch wenn er offenbar fest entschlossen ist, mir in den nächsten 20 Minuten sein Leben zu erzählen, seine Gesinnung preiszugeben, seinen Glauben mitzuteilen. Drinnen im 8-Zylinder sitzt seine halbwüchsige Tochter. Turnschuhe, Jogginghose, Kapuzenshirt. Sie spielt mit dem Handy.

Den Job macht Tom nur in der Saison. Und für Holz herrscht gerade Hochsaison. Zum Aufwärmen fangen wir mit aktuellen Sportergebnissen an. Weiter geht’s mit seinen Erfahrungen im Irakkrieg. Wie sein Kumpel angeschossen wurde, wie toll er die Deutschen findet, denen er allerdings ankreidet, kein militärisches Abschreckungspotential zu besitzen. Ob wir denn nicht unsere Souveränität verteidigen wollen, ob wir und unsere Kanzlerin nicht doch alle in Wahrheit Sozialisten sind. Einspruch zwecklos, das wird mir unmittelbar klar.

Ich schaue mir den Holzhaufen an. Doch, das ist gutes Holz, viel Buche, wenig Nadelholz, gut abgelagert.

Abschreckung ist wichtig. Auch wenn es den Anschein hat, dass wir uns von Putin, Assad und den Chinesen zum Narren halten lassen. Wir Amerikaner würden nie unsere Souveränität, unsere Freiheit aufgeben sagt Tom, glühender Anhänger gleich mehrerer Präsidentschaftsbewerber der GOP, steht für Grand Old Party oder die Republikaner. In der europäischen Parteienlandschaft gingen die von Tom verehrten Herren locker als Vertreter des äußersten rechten Randes durch.

Ich denke gleichzeitig daran, wie lange es dauern wird, das Brennholz stapeln, wie weit die liberalen Einwohner Washingtons den kalten Krieg hinter sich gelassen haben, wie sehr weite Bevölkerungsteile im Rest von Amerika weiter mitten in ihm leben, wie ich einen eleganten Weg finde, das Gespräch zu beenden, ohne unhöflich zu sein.

Tom gestikuliert, erzählt von Chinesen und Saudis, von amerikanischer Feuerkraft und moralischer Überlegenheit, von weltweiter Verschwörung natürlich gegen Amerika, gegen die Freiheit.

Der Diesel brummt. Ich bin inhaltlich ausgestiegen, kann nicht mehr folgen, als er zum finalen Schlag ausholt: Das Jüngste Gericht. Die Abrechnung steht unmittelbar bevor. Das haben Paulus und vor allem Johannes glasklar herausgearbeitet. Warum bloß setzt sich niemand damit auseinander? Ohne dabei die wichtige nukleare Abschreckung zu vergessen. Ohne dabei zu versäumen, jeden einzelnen Schritt von Putin, den Iranern, den Chinesen, am besten auch aller anderen Schurken der Welt, von denen es ach so viele gibt, genau zu verfolgen.  Mir ist schwindelig. Aber: Mein Holz ist Ungeziefer-frei, gut abgelagert und trocken. Es ist gut, in Washington

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